MORGENTHAU

Nach einem Bericht der ägyptischen Zeitung Al-Ahram handelt ein deutscher Vermittler derzeit eine Vereinbarung für den Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hisbollah aus (Quelle: SPON). "Gefangenenaustausch" klingt nach einer fairen Sache: Man denkt dabei an die Glienicker Brücke, auf der im Kalten Krieg enttarnte Agenten ausgetauscht wurden. Spion gegen Spion, quid pro quo.

Sehen wir uns mal die Personen an, um die es bei den angestrebten Verhandlungen zwischen Israel und der Hisbollah geht: Auf der einen Seite stehen Ehud Goldwasser und Eldad Regev, zwei Angehörige der IDF, die am 12. Juli auf israelischem Territorium von Kämpfern der Hisbollah entführt wurden. Auf der anderen Seite stehen drei libanesische Terroristen, der prominenteste von ihnen ist Samir Kuntar. Er sitzt seit dem Überfall auf ein Wohnhaus in Nahariya im Jahr 1979 in israelischer Haft. Kuntar hatte zunächst dem Familienvater Danny Haran vor den Augen seiner vierjährigen Tochter in den Kopf geschossen. Danach schlug er dem Mädchen mit dem Kolben seines Gewehrs den Schädel ein, bevor israelische Sicherheitskräfte ihn festnehmen konnten. Mit dem Überfall wollte Kuntars Terrorzelle gegen die Unterzeichnung des Friedensvertrages zwischen Israel und Ägypten protestieren.

Beim aktuellen Nahost-Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah ist oft von militärischer Asymmetrie die Rede. Wenig thematisiert wird dagegen die moralische Asymmetrie. In den Augen vieler Deutscher stehen die Forderungen Israels (Freilassung der Soldaten) und der Hisbollah (Freilassung der inhaftierten Libanesen) moralisch auf einer Stufe. Jedem Menschen, der noch über ein Fünkchen normativen Urteilsvermögens verfügt, muss klar sein, dass das nicht der Fall ist. Wird ein rechtmäßig verurteilter Kindermörder gegen zwei junge Männer ausgetauscht, deren einziges "Verbrechen" darin besteht, dass sie Israelis sind, dann ist das kein Gefangenenaustausch, sondern ein erfolgreicher Erpressungsversuch und ein Sieg der Gewalt über die Gerechtigkeit.

www.martin-hagen.de

28.8.06 13:30

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Tapete / Website (28.8.06 16:46)
Ich weiss nicht, ob "Kindermörder" eine Kategorie ist, die in diesem Zusammenhang angebracht ist. Sie wird ja normalerweise verwendet, um zu zeigen, dass jemand besonders niederträchtig sogar Kinder tötet. In dem Kontext, da ja Israelis von ihren Feinden gern als Kindermörder beschimpft werden, finde ich den Begriff ungücklich. "Antisemitischer 4-fach-Mörder" oder einfach nur "verurteilter Mörder" ist da vielleicht unmissverständlicher.

Ansonsten guter Artikel.

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