MORGENTHAU



Der Vorgang verdient nur einen Begriff, so abgedroschen er klingen und so inflationär er auch gebraucht werden mag: Skandal. Ayaan Hirsi Ali ist nun staatenlos, nachdem die niederländische Ministerin für Einwanderung und Integration, Rita Verdonk (Foto), kurzen Prozess gemacht und der Parlamentarierin und VVD-Parteikollegin die Staatsbürgerschaft entzogen hat. Der Schriftsteller Leon de Winter brachte diese Ungeheuerlichkeit auf den Punkt: „Das ist ein einmaliger Vorgang in der holländischen Geschichte. Die Ministerin hat eine ‚discretionaire bevoegdheid’, einen Ermessensspielraum, sie konnte so handeln, aber sie musste nicht.“ Nachdem ein reißerischer vierzigminütiger Fernsehbeitrag ein paar Fakten als neu verkauft hatte, die in Wirklichkeit längst bekannt waren, und darüber hinaus auch noch dreist und wahrheitswidrig behaupten zu müssen glaubte, Hirsi Ali habe nie mit ihrem kanadischen Cousin zwangsverheiratet werden sollen, sahen die Ministerin und weitere Geistesverwandte die Chance gekommen, eine Frau loszuwerden, die ihnen mit ihrer konsequenten und unbeirrbaren Kritik zunehmend lästig geworden war. Jan Feddersen bemerkt dazu in der taz treffend:

„Ihre ätzende, bisweilen beleidigende Kritik an den grünalternativ-roten Mainstreams ihres Landes, die Migranten so lange lieben, wie sie hübsche Musik machen und mit feinen Nahrungsmitteln die europäischen Speisekarten bereichern, aber lieber schweigen bei patriarchal begründeten Sitten und Gebräuchen, hat ihr viele Feindschaften eingetragen. Wie auch aus den muslimischen Communities, denen sie als selbstbewusste Nervensäge erschien. Und jene, die sie hassen, werden ab sofort abfällig spotten: Hirsi Ali hat bei ihrer Einwanderung in die Niederlande geschummelt. Sie wollte ohnehin in die USA auswandern, dort ohne Polizeischutz leben, weniger angefeindet – und seltener umgeben von Menschen, die ihr übel nehmen, lautstark und polemisch nicht die liebe, sensible Migrantin zu geben – sondern die Frau, die Kritik übte an Zuständen, denen sie entflohen war: ohne Rücksicht auf Takt und Ton des Antirassismusdiskurses.“

mehr dazu auf Lizas Welt

18.5.06 18:59

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